Ein Grenzer am Checkpoint Charlie
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Ein Grenzer am Checkpoint Charlie

Es ist Samstag, Stoßzeit am Checkpoint Charlie. Ich habe mich unter den jungen Männern mit Uniform gemischt, die sich von den Touristen fotografieren lassen.

Inna taz lesen

Ich hab mich beworben, denn ich wollte alles richtig machen. Aber Samuel, der Chef der Schausteller-Truppe, die tagtäglich als amerikanische Soldaten und militärische Polizisten und Grenztruppen am Checkpoint Charlie steht, brauchte mich nicht. Die hatten schon genug Männer. Aber ich dachte mir: das kann ich auch. Zwei Euro für zwei Fotos – einmal salutieren, einmal Daumen hoch. Samuel war überrascht, das sich einer extern bewirbt. “Meistens fragen wir immer nur Freunde und Brüder und so,” sagte er. Tja, es ist eben schwierig, in der Vetternwirtschaft einzudringen.

Es blieb mir nichts anderes übrig – ich fuhr zum Kostümverleih, hab eine Uniform ausgeliehen und habe mich auf der anderen Seite von der Bude am Checkpoint Charlie gestellt. Leider war das historisch nicht ganz akkurat. Ein gestresster Familienvater kam auf mich zu. “Sie wissen schon, dass Sie auf der falschen Seite stehen, oder? Da drüben war die sowjetische Seite. Meine Kinder sind jetzt ganz durcheinander. Ich muss die doch alles erklären.”

“Ja, ich weiß, aber ich darf da drüben nicht stehen.”

“Und die Uniform ist auch falsch.”

Da hatte er auch recht. Aber da hatte ich auch keine andere Wahl. Beim Kostümverleih war mir die Hose für das GI Uniform zu eng, und bei der sowjetischen Uniform fehlten diese schicke Schulter-dekoelemente, also nahm ich eine NVA Uniform und eine Mütze von einem sowjetischen Offizier – auch etwas zu klein. Die doofen Touristen merken das nie, dachte ich. Aber der genervte Vater war einer von vier, die mich darauf ansprachen. Touristen kann man unterschätzen.

Kostüme sind ein sehr gutes Mittel für schüchterne, emotional-verkorkste Menschen. Sobald man in der Öffentlichkeit verkleidet auftritt haben viele Leute das Gefühl, dass sie mit dir reden können. Die Hemmungen sind weg. Besonderr in Uniform ist man plötzlich ein Teil der Öffentlichkeit, und nicht nur in der Öffentlichkeit.

Aber es kann auch deprimierend werden, weil meistens bekommt man nur Kritik. Ein Schweizer, mit einer professionelle Kamera ausgestattet, hielt mich auf und knippste. Dann sah er mich prüfend an. “Sie gucken viel zu freundlich,” sagte er schließlich. Von nun an bemühte ich mich, ernst zu gucken wenn mich jemand fotografieren wollte. Soviel historische Authentizität kostet ja nix.

Viele dachten offenbar, dass ich als sowjetischer/NVA Offizier gut geeignet bin, sie den Weg zu beschreiben. Wo ist Potsdamer Platz? Wo ist das “Holocaust Museum”? Und – wo ist eigentlich die Mauer? “Die ist weg,” musste ich den mitteilen.

“Oh, schade.”

“Aber dafür darfst du jetzt vorbei.”

Viele knippsten von weiter weg, ohne zu fragen. Andere guckten ein bisschen misstrauisch, als ob ich gleich Geld verlangen würde. Als einer – ein Lebaneser – sich endlich traute, zu fragen, ob man zahlen musste für ein Foto, hatte ich schon ein Witz vorbereitet: “No, you only have to pay for the American soldiers, because they are capitalists. This is communism – all paid for by the Russian state.” Auf einmal stand eine Schlange vor mir. Inder, Argentinier, Koreaner. Niemand ist glücklicher als ein Tourist, der was gefunden hat, was Umsonst ist.

Eine nette Familie – Mann und Frau und zwei Jungs – aus Frankfurt wollte sich bei mir beschweren. “Das Mauermuseum ist echt viel zu teuer. 1,50 für eine Postkarte, und da drüben kostet es 70 cent. Und die haben auch Briefmarken! Und zwei Euro für ein Foto ist eine Frechheit,” sagte die Frau. “Komisch, dass nicht mehr Leute zu Ihnen kommen.”

Ihr Mann hatte dazu eine Theorie. “Naja, es sind ja viele Amerikaner, und die wollen natürlich wenn dann neben ihre Fahne stehen.”

Tatsächlich kamen nicht so viele Amerikaner auf mich zu. “That’s a Russian commie, Danielle!” rufte ein Mann, und lachte als eine junge Frau ein Bild mit mir haben wollte. Ich hab salutiert und ernst geguckt.

Der Frankfurter Familienvater war schon mal hier, in 1980, mit seiner Schulklasse. “Wir waren auch drüben. Vorher haben wir alle die üblichen Witze gemacht – wie Kinder so sind. Aber das Lachen ist uns dann im Hals stecken geblieben. Das war alles nicht so lustig damals. Ich hab immer noch vor mir, wie die Grenzer ganz lange geguckt haben. Erst auf dem Pass, dann auf dich. Dann wieder auf dem Pass. Das war echt … ja … nicht so lustig.”

Auf einmal parkte eine Taxi direkt vor mir, mitten in der Straße. Der Taxifahrer stieg aus. “Seid ihr jetzt auf beide Seiten oder was?”

“Nein, ich bin nur heute da. Zum ausprobieren.”

“Nur heute? Was sage ich dann zu dir? Ich sag immer Charlie Braun zu den beiden auf der anderen Seite. Ich sag immer, ‘Hi Charlie. Hi Braun.’ Und dann sagt der, ‘Ich heiß gar nicht Charlie.'”

“Sagen das alle Taxifahrer?”

“Nee, nur ich so.”

“Ach so.”

“Weil es heißt ja Checkpoint Charlie.”

“Ja, ich weiß.”

“Und der andere ist Afrikaner. Das sind ja gar keine Amerikaner. Ein Araber, ein Pole, ein Afrikaner, was weiß ich.” Dann ging er auch weg.

Nach zwei Stunden wurde es langsam kalt. McDonalds und Starbucks sahen verlockend aus. Ausserdem hatte ein Pferd von einer Touristen-Pferdekutsche direkt neben mein Platz geschissen, und obwohl der Haufen inzwischen schon von Taxis flachgefahren und schön in die Straße gerieben wurde, stank es immer noch. Es stieg ein Ärger gegenüber die sektnippende Touristen unter ihre Decken auf den Kutschen auf, weil sie anscheinend den Geruch von ihren Pferden nicht merkten. Das ist bestimmt auch nicht historisch authentisch, dachte ich.

Eine Gruppe Teenage Jungs kamen auf mich zu. “Musst du da stehen?” Der Anführer guckte etwas mitleidig.

“Nein, eigentlich nicht.”

“Kannst du ein bisschen was über die Grenze erzählen?” Scheiße, ich hab gehofft, ich würde ohne diese Frage durchkommen. Ich fing an, die Jungs das Foto von den Panzern zu zeigen, das in der Bude steht. Plötzlich stand ein dicker Mann mit rotem Kopf und zurückgegeltem Haar ganz dicht vor mir.

“Bist du Ben?”

“Erm, ja.”

“Du hast dich letzte Woche beworben, oder?”

“Ja! Bist du Samuel?”

“Und was machst du jetzt hier?”

“Ich steh nur hier. Ich nehm’ kein Geld dafür.”

“Das macht nichts. Du kannst hier nicht stehen, und einen auf Reiseführer machen. Die haben mich sofort angerufen. Wir haben hier eine Genehmigung seit 2003.”

“Entschuldigung. Ich wollte es nur mal ausprobieren. Wie heißt die Firma?”

“Kannst du nachgucken. Steht überall im Internet. Aber du kannst nicht hier stehen. Wir haben hier eine Genehmigung. Geh zum Brandenburger Tor oder wo auch immer. Tu mir den Gefallen.”

Die Teenage-Jungs, dessen sicher sehr informative Geschichtsstunde unterbrochen wurde, guckten mitleidig, und taten so, als ob nicht alles sehr spannend wurde. “Feierabend, was?” sagte einer.

“Ja.”

Ich packte etwas ratlos und traurig meine sowjetische Mütze in meiner Plastiktüte. Aber als die Jungs weg waren, kam auf einmal Samuel wieder.

“Wann hast du frei?”

“Ich hab meistens frei,” sagte ich.

“Und wohnste in der Nähe? Oder hast du’n weiter Weg?”

“Nein, ich wohn’ in Kreuzberg.”

Ich gab ihm meine Handynummer und mein Selbstbewusstsein stieg. Vielleicht hab ich doch das Zeug dazu.

“Okay, ich melde mich,” sagte Samuel. “Alles Gute mein Lieber.” Dann gab er mir einen neuen, professionellen Blick. “Aber du mußt dich schon rasieren. Soldat und so. Ist das schlimm für dich?”

Verdammt, wieder etwas das nicht historisch authentisch war.