Wir sind keine Radios
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Wir sind keine Radios

In Integrationskursen sollen Migranten Deutsch lernen und das Wichtigste über das Land, um sich zu assimilieren. Ein Selbstversuch

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Meine Integration lässt eindeutig zu wünschen übrig. Obwohl ich eine deutsche Mutter habe und seit über zehn Jahren in Berlin wohne, bin ich in jeder Hinsicht Engländer. Ich habe eine englische Freundin, ich esse Fish & Chips, schaue mir englischen Fußball im Pub an, schreibe meine Texte vorwiegend auf Englisch und lebe auch sonst in einer von Engländern bevölkerten Parallelgesellschaft inmitten der deutschen Hauptstadt. Mit anderen Worten: Meine Assimilation ist überfällig. Ich muss in den Integrationskurs, der für Ausländer wie mich angeboten wird. Ich muss endlich richtig Deutsch lernen, den Unterschied zwischen Bundesrat und Bundestag und den Text der deutschen Nationalhymne.

Die Integrationskurse in Deutschland bestehen aus 600 Stunden Sprachunterricht und 45 Stunden Orientierungsunterricht über die deutsche Kultur, Geschichte und Gesellschaft. Aber der Orientierungsunterricht kommt ganz zum Schluss. Erst muss man die ganzen unregelmäßigen Verben lernen und den Unterschied zwischen Dativ- und Akkusativobjekt. An ein Privatleben ist während des Kurses nicht mehr zu denken. An fünf Tagen der Woche gibt es ab 17 Uhr mindestens vier Unterrichtsstunden je 45 Minuten. Und die Lehrer achten sehr genau darauf, dass alle erscheinen, schließlich werden die Kurse vom Staat finanziert.

In meiner Klasse sind 20 Schüler, darunter Yves aus Haiti, der schon Englisch und Französisch beherrscht und bei einer Hotelreservierungswebsite arbeitet. Oder Diego aus der Dominikanischen Republik, der schon in der ersten Stunde seinen Tisch ganz nach hinten in die Ecke schiebt und immer mit einem Stock herumläuft, unter den er einen gelben Schwamm geklebt hat. Oder Hafiz, der Syrer, der mir in der vierten Stunde zuflüstert, dass dieser Schwamm stinkt. Und zwar in einwandfreiem Deutsch.

Neben Yves, Diego, Hafiz und mir gibt es noch zwei iranische Schüler, zwei Türkinnen, zwei Polen, zwei Kenianer und jeweils einen Schüler oder eine Schülerin aus dem Libanon, Brasilien, Guinea, der Slowakei, Serbien, Angola, Syrien, Litauen und der Dominikanischen Republik. Kein Land wird also von mehr als zwei Leuten vertreten. „Zum Glück. Weil sich sonst störende Parallelgespräche entwickeln“, sagt Stefan, der Lehrer, den ich nach der fünften Stunde schon ziemlich gut beschreiben kann: Er trägt eine Brille, hat kurze, hellbraune Haare, Sandalen, ein oranges Hemd und Shorts. Und er ist sehr, sehr geduldig.

„Hat jemand Fragen?“, fragt Stefan nach einer Lektion über Körperteile, bei der ich ein neues Wort gelernt habe: Handteller!

„Ja!“, meldet sich Diego aus seiner Ecke.

„Wir haben diese Decke? Warum? Diese Decke.“

Stefan guckt etwas ratlos.

„Diese Decke!“ Diego zeigt auf seinen Arm.

„Diego, was denn für eine Decke?“

Diego überlegt und korrigiert sich (was, das hab ich mal gehört, ein gutes Zeichen ist bei jemandem, der eine Sprache lernt): „Haut! Warum haben wir diese Haut?“

Wir anderen gucken uns an.

„Weil ein Radio funktioniert auch ohne so eine Decke.“

Diego ist nicht zum ersten Mal im Kurs. Er wohnt schon seit über 20 Jahren in Deutschland, und Stefan kennt ihn schon länger.

„Ja, aber wir sind ja auch keine Radios, Diego“, sagt er souverän. Diego scheint unzufrieden mit der Antwort, fragt aber nicht weiter.

Dann spielen wir ein Brettspiel, bei dem wir Sätze aus verschiedenen Elementen bilden müssen. „Die braunen Handschuhe finde ich schön“, oder: „Einen hellblauen Mantel wollte ich schon immer.“ Ich spiele mit der polnischen Magda, die tagsüber Kinder betreut und abends hierherkommt. Sie findet den Kurs sehr anstrengend, aber sie will unbedingt in Deutschland bleiben. Ich verliere das Spiel, weil es – wie so oft in der Integrationsklasse – um Endungen von Adjektiven geht: ein schönes Auto, ein schöner Baum, einen schönen Tag noch … Wie schön einfach Englisch doch ist! „Achten Sie auf die Endungen!“, ruft Stefan.

Wenn ich in meinem sonnigen Berliner Ausländerleben ausnahmsweise mal Deutsch sprechen muss, dann versuche ich immer, die Endungen zu vernuscheln. Das hat bisher immer geklappt. Leider hilft das im Integrationskurs überhaupt nicht. Und plötzlich fühle ich mich wie auf einer Zeitreise – zurück in meine Kindheit.

Ich träume davon, dass Thilo Sarrazin mit dem Zeigestock auf eine Tafel pocht: „Die Endungen!“

Ich sitze auf der Schulbank in Manchester, neben mir der blöde, schwitzende Jason, und im Gesicht habe ich eine juckende Akne. Ich kann die Pickel hier und heute, Jahrzehnte später spüren. Eine deutsche Grammatiktafel hat gereicht, um sie zurückzubringen. Dann habe ich einen kurzen Tagtraum, in dem mir Thilo Sarrazin erscheint und mit einem Zeigestock auf eine gigantische Adjektiv-Endungen-Tabelle pocht. „Achtung! Achten Sie auf die Endungen!“, ruft er. Poch, poch, poch!

„Hat jemand Fragen?“ Wieder Stefan.

„Ja, ich!“ meldet sich Diego noch mal. „Aber ist zu schwer.“ „Ist es eine Frage zur Aufgabe oder zum Leben, Diego?“

„Zum Leben.“

„Dann heute nicht.“

Weil mir die rund 500 Stunden, die ich noch vor mir habe, endlos erscheinen und ich endlich mehr über die deutsche Kultur wissen will, besuche ich einen Orientierungskurs an einer Volkshochschule. Es soll um die „grundlegenden Werte der deutschen Gesellschaft“ gehen, um die Geschichte, das „politische System“ und die „Rechtsordnung“. Der Lehrer Ralf ist nett. Sein Unterrichtsstil besteht hauptsächlich darin, so oft wie möglich zu erklären, welche Frage bei der Prüfung, die am Ende der Mühen steht, gestellt werden und was wir antworten sollen. An der Orientierung soll die Integration nicht scheitern.

Und dann soll man auch noch wissen, dass das Gelb in der deutschen Flagge eigentlich Gold ist

Ich verrate hier nichts. Aber ehrlich gesagt sind die Fragen nicht besonders schwer. Kein Wunder, dass die Schüler deutlich entspannter sind als im Sprachkurs. Aber eine Schwierigkeit gibt es doch: Ralf sagt, dass die Farben der deutschen Fahne Schwarz-Rot-Gold seien, worauf es im Klassenzimmer Protest gibt. „Aber sie ist doch unten gelb!“, sagt ein Pole, und wir anderen stimmen ihm zu.

„Es ist Gold“, sagt Ralf. „Es kann nur Gold sein.“

„Es sieht nicht wie Gold aus“, meldet sich jemand aus Afrika.

„Aber die Fahne heißt ,Schwarz-Rot-Gold‘“, beharrt Ralf.

Und alle denken nur das eine: Wie schwer kann eine Sprache sein, wenn in ihr Gelb ein anderes Wort für Gold ist? Ich glaube, ich lern’s nie.

Unser Autor Ben ging in Manchester zur Schule, wo er immerhin fünf Jahre Französisch lernte. Dennoch kann er gerade mal ein Baguette kaufen. Apropos: Am absurdesten findet Ben in Deutschland, dass hier niemand verbrannten Toast essen will, weil man davon Krebs bekommen könnte.


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